Es ist vorbei

Der letzte Tag ist da. Nach dieser 11-tägigen Reise fast schon nicht mehr vorstellbar, dass das Sommercamp wieder aufhören würde. Aber jetzt ist es soweit und wir versammeln uns noch einmal zum gemeinsamen Brunch. Es wird gequatscht, gesungen und sich verabschiedet. Es war eine intensive, inspirierende und reiche Zeit.

Danke allen, die dabei waren! Tschüss!

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Schritte in die Zukunft

Heute vormittag ging es um die Welt jenseits von uns. Was ist eigentlich los in der Welt, während wir hier auf dem Sommercamp sind? Reuven hatte am Abend zuvor im Kunstcafe schon den Blick geweitet zurück in die deutsche Geschichte und hinaus bis Israel/Palästina. Er war auch an diesem Vormittag aktiv dabei  und hielt diese Themen dadurch präsent.

Heute führt uns Andreas Duda mit eine Aufstellung die Situation auf der Welt vor Augen.

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Analog zu den Zahlenverhältnisse auf der Welt stellten wir verschiedene Lebenssituationen von Mensch auf. So gab es einige Menschen, die im Überfluss leben, Menschen, die nur kontaminiertes Wasser zur Verfügung haben, viele Analphabeten und sehr viele Menschen, die materiell nicht ausreichend versorgt sind.

Das Bild was entstand, sprach für sich. Es war sehr viel Berührung zu spüren, ohne dass viel gesagt wurde. Es gab ein gemeinsames Innehalten und den Schmerz der Menschen fühlen, die nicht mit dem nötigsten versorgt sind. Auch das Bewusstsein über die unglaubliche Fülle, in der wir leben, war spürbar. Und all das hat auch die andere Seite – ein Gefühl von Leere im Überfluss und ein tiefes Wissen trotz Analphatismus.

Kristina schaute aus der Zukunft auf uns: wie war das denn, als die Welt auf den Kollaps zusteuerte? Was hast Du getan? Wie habt Ihr das Ruder herum gerissen damals? Solche Fragen werden sich die Menschen vielleicht in 200 Jahren stellen.

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Das Jugendcamp war auch dabei:

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Gebrochenes Herz

Das Kunstcafe hatte am Freitagabend einen besonderen Gast: Reuven Moskovitz wurde 1928 als Jude in Rumänien geboren. Er überlebte den Holocaust. Heute lebt er in Israel und ist Friedensaktivist. Er setzt sich ein für die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen und Israelis und Palästinensern.

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Am Anfang seines Berichts standen die Worte: Mein Herz ist gebrochen. Ich habe so viele Enttäuschungen erlebt, so viel Grausamkeit und Gewalt unter den Menschen gesehen. Mit 4 Bypässen lässt sich mein Herz zwar flicken, aber es bleibt doch gebrochen. Und im Wissen um seinen tiefen Schmerz ist Reuven Moskovitz ein lebensfroher Mensch. Er erzählt gerne Witze und Anekdoten, ist leidenschaftlicher Musiker und lacht viel.

Er erzählte aus seinem Leben und von seiner politischen Arbeit. Seine Kraft und unermüdliche Arbeit für Frieden in Israel / Palästina beeindrucken zutiefst.

Er war sehr berührt vom ZEGG und von der Herzlichkeit im Sommercamp. Auch im Jugendcamp berichtet er von seiner Arbeit, einige Jugendliche wollen ihn in Israel besuchen. Vielleicht kommt er auch nächstes Jahr wieder, um das ZEGG zu besuchen. Eine Freundschaft hat sich vertieft.

Meine Liebe zu….

Heute geht es um die Liebe zum ZEGG.

Zuerst sprach Georg, der seit der Anfangszeit des ZEGG dabei ist. Er benannte zwei Gegenpole, die in seinem Leben wichtig sind und zwischen denen er sich immer wieder bewusst positioniert: Freiheit und Bindung. Georg erzählt, wie er lange nach dem Motto „Partnerschaft UND freie Liebe“ lebte und versuchte, beides zusammen zu bekommen. Er beschreibt, dass er sich jetzt dafür entschieden hat, auf sexuelle Kontakte außerhalb seiner Partnerschaft zu verzichten, um die Schönheit und Intimität einer lange gewachsenen Vertrautheit zu genießen. Das Schöne an Gemeinschaft ist für ihn, dass sie ihn immer wieder darin unterstützt, solche Neujustierungen vorzunehmen und den Weg zu finden, der für ihn stimmig ist.

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Christine ist seit etwas über einem Jahr hier. Das ZEGG war schon ein Kulturschock – speziell wenn es um die ZEGG-übliche Arbeitsweise geht. Entscheidung dauern eben manchmal ein halbes Jahr – es ist halt keine Organisation, sondern ein Organismus. Trotzdem haben sie und ihr Mann ihr Leben im Badischen aufgegeben und sind ins ZEGG gekommen. Die Entscheidung war ganz klar. Warum? „Weil wir als offen lebendes Paar immer einen Teil von uns abschneiden mussten. Was wir lebten, durfte eigentlich nicht sein und wir hielten es geheim. Ich habe hier eine Weite gefunden, an die ich schon nicht mehr geglaubt hatte.“

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Nach den beiden Vorträgen folgt das Fundraising fürs ZEGG, wie schon oft gelungen moderiert von Ina Meyer-Stoll. Wir bekommen neue Darlehen und viel geschenkt für unseren Dachstockausbau.
Am Ende werden unter allen Spender_innen Gewinne verlost, hier sehr Ihr die blinde Losfee aus dem Jugendcamp:

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Schamlos und verschämt zugleich

Konstantin Stavridis sprach klug und persönlich über seine Existenz als schüchterner Schamloser. Er beschreibt sein Leben als Pendeln zwischen zwei Extremen: er möchte  Orgien feiern und traut sich oft nicht, eine Frau, die er mag, zu Küssen.

Wir sind alle verschämt und schränken unser Tun und Wollen ein. Für Konstantin ist die Scham eine besonders perfide Form der sozialen Kontrolle. Die Scham macht, dass wir uns selbst beherrschen.

Sie hält uns jedenfalls davon ab, unsere differenzierte Sexualität als Menschen wirklich zu erforschen.

Konstantin erzählt von einem amüsanten Selbstexperiment:
„Meine zunehmend schwangere Frau sagte im vergangenen Herbst zu mir, als wir eine recht begegnungsfreie Phase hatten, ich sollte mich mal wieder mit einer Geliebten treffen, das würde mir bestimmt gut tun, und ihr auch. Ich war etwas überrascht von der Initiative und zunächst so spontan auch etwas ratlos, bis mir die Idee kam, aus der Situation ein Experiment zur erotischen Transparenz zu machen. Ich postete auf Facebook allen meinen 330 Kontakten die Frage wer wohl Lust habe in den nächsten Tagen mit mir ins Bett zu gehen… Das Posting hatte die längste Kommentarleiste meines jungen Facebook-Lebens zur Folge mit etwa 100 Kommentaren und Reaktionen aller Art, zudem mehrere schöne Einladungen, von denen ich einer dann auch folgte. Wie findet ihr das, wenn ihr eure erotischen Bedürfnisse auf Facebook oder sonst irgendwo in der Öffentlichkeit bekannt geben würdet? Vor wem schämen wir uns, dass wir so etwas im Allgemeinen eher nicht tun?“

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Das ist die Macht der selbst gegebenen Erlaubnis. Das ist der einzige Weg aus der Scham: das, was wir peinlich finden, vor anderen Augen zu tun. Und das fühlt sich ja oft so fürchterlich an.

Es lebe die Schamlosigkeit! Konstantin ruft zur Schamlosigkeit auf, weniger wüst und verdorben gemeint sondern eher kindlich, naiv und frei. Seine Sehnsucht: die Rückkehr der Unschuld.

Während wir dem Vortrag von Konstantin lauschten, schwitzten wir bei gefühlten 35 Grad.

Nur in der Dorfkneipe ist es immer relativ kühl und es gibt Eis und kalten Getränke. Hmmmm, danke Dorfkneipenteam!

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Grenzgang – Nachklang

Am Donnerstagvormittag gab es ein großes Forum, in dem über den Erfahrungsraum vom Vortag gesprochen wurde.

Vor allem Frauen haben sich im Forum gezeigt. Es gab viel Berührung, Gefühle von Freude und auch von Angst und Schmerz. Im Mittelpunkt stand das Thema persönliche Grenzen. Wir sprachen viel über Grenzen – für mich würde es treffender darum gehen, herauszufinden was wir mögen und was wir nicht mögen. Das überhaupt zu fühlen ist für viele schwierig. Der eigenen Wahrheit dann noch zu folgen – damit tun sich besonders Frauen schwer, und ich kenne das Thema selbst sehr gut.

Vor dem Hintergrund der verbreiteten Fühllosigkeit in unserer Gesellschaft – ist es richtig, solche Grenzgänge wie gestern zu wagen? Wie groß ist die Gefahr, dass wir nur bekannten Schmerz oder Angst reproduzieren? Und wie können wir dazu beitragen, dass sie sich auflösen können?

Wenn es uns um Erkenntnis geht, müssen wir in schwierige Bereiche gehen. Das sagte Felix Ruckert gestern im Nachgespräch. Stimmt. Und: Wir können viel dafür tun, solche Erfahrungsräume sicher zu machen. Schon im Vorfeld eine eigenverantwortliche Entscheidung ermöglichen. Rahmenbedingungen so gestalten, dass es leicht ist, zu gehen, dass Nachgespräche möglich sind, dass Menschen aufgefangen werden. Das Spannungsfeld bleibt trotzdem. Denn wenn wir in unbekannte Gebiete gehen, können unangenehme Gefühle auf uns warten.

Was mich beeindruckt hat, ist die Klarheit, mit der Felix Ruckert agiert. Sie hat mir persönlich Sicherheit gegeben. Für uns als ZEGG-Gemeinschaft war dieser Grenzgang ein Experiment. Ich finde es ist gelungen und freue mich darüber, dass wir uns was trauen und auch mal den Kopf aus der weichgewaschenen Harmonie herausstrecken.

Danke, Felix Ruckert und danke Sommercampteam!

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Bei den Empathie-Engeln gab es offene Ohren für alle Fälle. Oder auch nur für eine kurze Zwischenpause zum Ausatmen.

Erfahrungsraum mit Felix Ruckert

Felix Ruckert nimmt das Sommercamp mit auf einen Grenzgang, die Themen sind Angst, Macht und Vertrauen. Ruckert hat in Berlin ein Studio, in dem er Yoga, Tanz und BDSM anbietet und verbindet. Und er sagt selbst, dass das nur Anhaltspunkte sind, um seine Arbeit zu beschreiben. Ich bin sehr gespannt, denn ich habe eine Ahnung, welch radikale Selbstverantwortung in SM oder dem Spiel mit Macht und Hingabe stecken kann. Jedenfalls ist das eine vielversprechende Verbindung – das ZEGG mit seinem Fokus auf Achtsamkeit und Heilung und dieser Grenzgänger in Sachen Macht und Ohnmacht. Es ist ganz klar, dass es um Selbsterforschung ohne sexuelle Inhalte gehen wird. Trotzdem weiß ich nicht, ob diese Kombination funktionieren wird. Auch in der Gemeinschaft gab es im Vorfeld Fragen. Wir hatten Felix Ruckert im Juni zu uns eingeladen. Das Gespräch und auch die Tatsache, dass Felix sich den Bedenken gestellt hat, waren wohltuend. So war klar, dass wir ihn gerne dahaben wollen.

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Jetzt beginnt der Tag und das erste, was mir gefällt: Felix Ruckert leitet 200 Menschen nur mit seiner körperlichen und tänzerischen Präsenz durch den Tag. Er kommt fast ohne Sprache aus – eine Wohltat nach den vielen Worten der letzten Tage. Wir tanzen, rollen und bewegen uns alle gemeinsam durch den Raum.

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Doch bald kommt die erste Irritation. Wir sollen jemandem, der auf vier Füßen steht, auf den Hintern hauen – ich fühle leichte Hysterie im mir aufsteigen. Soll das jetzt in eine sexuelle Richtung gehen? Einige andere steigen gleich ganz aus, manche fragen: machen die Leute jetzt jeden Quatsch mit? In meiner Kleingruppe kichern alle wie die Schulkinder.
Dann sehe ich neben mir zwei Menschen, die die Übung sehr achtsam und andächtig, fast künstlerisch ausführen. Wow! Ich sehe eine besondere Qualität von Hingabe und Vertrauen. Das will ich auch! Spüren, wie es sich anfühlt und ganz dabei bleiben. Ich suche mir neue Gefährten. Den Rest des Vormittages sind wir abwechselnd Täter, Opfer und Assistent. Wir erleben uns in den Rollen von Macht, Angst und Vertrauen. Damit in einem sicheren Raum zu experimentieren erweitert den Horizont ungemein. Es bringt mir innere Klarheit, Freude und viel Energie. Die Abschlusschoreografie des Vormittages finde ich spektakulär. Wir singen bilden eine Spirale und singen zusammen „Gib alles was Du hast, denn ich brauche es mehr als Du, sei nicht geizig, gib alles, was Du hast“. Wir machen eine Tigermeditation, Fokussieren ganz auf uns selbst und Felix Ruckert schließt den Raum. Das ist einfach und schön! Kunst.

Den gesamten Nachmittag verbringen wir dann damit, Nein zu sagen in allen Varianten und unsere Grenzen auszuloten. Es war erstaunlich, wie vorsichtig wir miteinander sind. Wenn wir wissen, wo wirklich unser Nein ist, werden die Spielräume größer.

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